Gasausbrüche werden von Skeptiker gerne als Erklärung herangezogen, um die seltsamen Berichte über das Bermudadreieck naturalistisch zu erklären - so kommt man ohne Außerirdische oder Zeittunnel aus. Doch was leistet diese Erklärung wirklich?

Die Theorie, dass Gasausbrüche das mysteriöse Verschwinden von Schiffen und Flugzeugen im Bermudadreieck erklären können, wurde offenbar erstmals 1982 von dem Geologen Richard McIver vorgestellt. In seinen eigenen Worten: "Wiederkehrende natürliche Ausbrüche von Gas (...) könnten daher einige der vielen mysteriösen Fälle verschwundener Schiffe oder Flugzeuge erklären — insbesondere in Gegenden, in denen das Tiefseesediment große Mengen von Gas in Form von Hydraten enthält. Dies könnte vor der südöstlichen Küste der USA der Fall sein, ein Gebiet, das dafür bekannt ist, dass dort zahlreiche Schiffe und Flugzeuge verschwunden sind.". McIver spricht hier nicht von klassischen Erdgaslagerstätten, sondern von so genannten Gashydraten. Unter Druck und bei tiefen Temperaturen kann sich Methangas, das z. B. beim Zerfall organischer Substanz gebildet wird, mit Wasser zu einer festen, eisartigen Masse verbinden. Diese Gashydrate oder Clathrate waren im Labor seit langem bekannt, doch erst in den 1970er Jahren wurden sie in Meeressedimenten entdeckt — und zwar tatsächlich vor der Küste des US-Bundesstaates South Carolina.

Der Verdacht lag nun nahe, dass sie durch untermeerische Erdrutsche instabil werden und plötzlich große Gasmengen freisetzen könnten, die das Wasser aufschäumen und Schiffe sinken lassen könnten. Wie plausibel ist diese Theorie? Inzwischen wurden Gashydrate in vielen weiteren Meeresgegenden entdeckt — ab einer Tiefe von ca. 300 m sind sie stabil. Warum sollten sie dann nur im Bermudadreieck zu Katastrophen führen?

Tatsächlich wurde 1991 die Freisetzung von Gas aus Gashydraten im Ochotskischen Meer nachgewiesen — allerdings mit sechs Millilitern Methan pro Liter Wasser viel zu wenig, um eine Gefahr für die Schifffahrt darzustellen, und nirgendwo sonst konnte ein ähnlicher Gasgehalt im Wasser gemessen werden. Auch hat man Belege für eine explosionsartige Freisetzung großer Gasmengen gefunden, wie sie für die "schäumende See" der Bermuda-Theorie nötig wäre: Geologische Untersuchungen des Meeresbodens im Bermudadreieck erbrachten zwar Hinweise auf katastrophale Erdrutsche — aber bereits vor 15 000 Jahren, am Ende der Eiszeit. Damals wurden die Gashydrate durch starke Temperaturänderungen sowie Meeresspiegel- und damit Druckschwankungen instabil. Unter heutigen Bedingungen sind große Ausbrüche kaum möglich, wie William Dillon vom US Geological Survey mithilfe eines Instrumentes mit dem passenden Namen GHASTLI (Gas Hydrate and Sediment Test LaboratoryInstrument) feststellen konnte.

Obwohl also gefährliche Gasausbrüche prinzipiell möglich sind, ist es doch extrem unwahrscheinlich, dass sie im heutigen Bermudadreieck eine Rolle spielen, und sie sind sicher nicht häufig genug, um viele Schiffe über einen langen Zeitraum hinweg verschwinden zu lassen. Was ließ dann die Schiffe verschwinden?

Verschwanden sie überhaupt? Der Mythos wurde vor allem durch den 1974 erschienenen Bestseller "The Bermuda Triangle" von Charles Berlitz bekannt, in dem er das Verschwinden von 37 Flugzeugen und 38 Schiffen beschrieb. Eine Nachprüfung der Fälle durch den Autor Lawrence Kusche ergab jedoch, dass Berlitz mit den Fakten sehr großzügig umgegangen war: Namen und Daten stimmen nicht; Schiffe, von denen Berlitz behauptet, sie sei- en bei strahlend blauem Himmel verschwunden, gerieten tatsächlich in einen Orkan; andere sanken gar nicht im Bermudadreieck, sondern im Pazifik; wieder andere scheinen gar nie existiert zu haben. Fazit: Das Mysterium des Bermudadreiecks ist größtenteils eine Erfindung. Auch die Versicherung Lloyds in London bestätigte im Rahmen der Dokumentarsendung "Equinox — The Bermuda Triangle" des britischen Fernsehsenders Channel 4, dass im Bermudadreieck nicht mehr Unglücke passieren als in anderen vielbefahrenen Regionen.

Letztendlich versucht also die Gashydrat-Theorie des Bermudadreiecks ein Rätsel zu lösen, das keines ist. Unabhängig davon lohnt sich jedoch das Studium von Gashydraten: Einerseits könnten sie für die Zukunft eine reiche Energiequelle darstellen, denn in ihnen ist — vorsichtig geschätzt — doppelt so viel Energie wie in allen bekannten fossilen Lagerstätten gespeichert. Andererseits ist es durchaus möglich, dass es im Zuge der derzeitigen Erderwärmung wieder zu Methanausbrüchen ähnlich denen der letzten Eiszeit kommen kann.

Literatur

  • Kusche, L. (1975): The Bermuda Triangle Mystery — Solved, Harper&Row.
  • Gas Hydrate Studies Woods Hole Science Centre, US Geological Survey
  • McIver, R (1982): Bulletin of the American Association of Petroleum Geologists 66, 789.
  • Spektrum der Wissenschaft, Juni 1999, 63–73.
  • Spektrum der Wissenschaft, April 2000, 25–26.